Je suis Charlie, aussi!

Heute erschien in Deutschland die erste Ausgabe der Charlie Hebdo in deutsch.

Finde ich gut, mehr Vielfalt und ein unangepassetes Magazin mit loser Klappe tut Deutschland immer gut.

Wie gut, konnte ich heute beim Kauf sehen. Erst der Dritte Bahnhof-Zeitungsdealer wollte mir eine verkaufen. Der erste Händler stellte sich doof, der Zweite hatte sie angeblich „noch nicht da“, sie käme erst im Laufe des Tages aus der Zentrale. Soso. Muß wohl erst freigegeben werden. Der Dritte Zeitungshändler hatte sie dann gut versteckt vor den Augen der Kunden dann da und sie mir auf Nachfrage verkauft.
Der gleiche Zeitungsladen hatte linke, rechte und religiös-radikale Propagandablätten in reichlicher Auswahl in der offenen Auslage.

wp-1480575732884.jpg Dieses Verhalten wirkte etwas merkwürdig auf mich. Ich möchte an dieser Stelle nicht spekulieren (Ich habe das bei Twitter schon getan).

Die Zeitschrift kommt in Zeitungsdruck als Tabloidformat (Halbnordisches Format, für die Fachleute) für satte 4€ in einer Erstauflage von 200k.Sie umfasst 16 Seiten mit teilweise boulevardesquem Satz. Es gibt also viele großformatige Grafiken, keine Fotos und große Überschriften.

Der einzige Grund warum sich dafür 4€ rechtfertigen ist die völlige Abwesenheit von Werbung. Das ist für ein Satiremagazin in Deutschland meines Wissens einzigartig und sehr löblich.

Inhaltlich orientiert sich das Magazin sehr am französioschen Original, weniger was die Themen angebht, mehr am Stil. Man merkt einigen Texten durchaus an, daß die ursprünglich wohl nicht in deutsch verfasst wurden. Das sorgt aber für eine besondere Note und dürfte die frankophilen Leser ansprechen. Neben Satireartikeln und durchaus weitererzählenswerten Witzen finden sich auch investigative Themen wieder. Neben Atommüll in Frankreich „Wie uns die Atomlobby sauteuer zu stehen kommt“ geht es auch im Cyronik „Gott im Eisfach“ und in einem Artikel über die gesundheitlichen Spätfolgen des Anschlags auf die Zeitung „Wem die Stunde schlägt“. Das große Interview ist mit dem konservativen Bürgermeister der schwedischen Radidal-Öko-Gemeinde Växjö. Auch da kommt die Satire nur sehr subtil, das Interview ist sehr gut gemacht.

Da sitzen Menschen, die ihren Job verstehen. Ganz ohne Zweifel. Mit „Titanic“ und „Eulenspiegel“ ist „Charlie Hebdo“ nur eingeschränkt vergleichbar. Eigentlich dürften die Leser nur ihre Bildung und offene Geisteshaltung gemein haben. Ohne zuviel zu verraten, rate ich mal ein Exemplar zu erwerben und sich drauf einzulassen. Ob die Zielgruppe mittelfristig für einen kostendeckenden Betrieb ausreicht wird man sehen müssen. Ganz ohne Nachjustierungen sehe ich das nicht so.

Wenn das Magazin es schafft zur aktuellen, satirischen Stimme der Freiheit zu werden, dann hat sie eine Chance. Ich werde sie ihr geben.

 

 

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