Ich habs jetzt kapiert

Meine Enttäuschung ist riesengroß. Die Neu-Ulmer Bürger wollen mehr 1990 und weniger 2014 in der Stadt- und Kreisverwaltung

Unsere Bewerbungen und Kandidaten sind am Unterschriftenquorum gescheitert. Wie jedes mal seit 1996, als die CSU sich mit ihrem privaten Wahlgesetz sich der eigenen Rebellenlisten wie „Christlich Soziale Bürger“ erfolgreich entledigt hat, wird auch in den kommenden sechs Jahren kein frischer Wind durch Rathaus und Kupferburg wehen.

Fast 1% aller Wahlberechtigten hätten bis heute aktiv das Bürgerbüro bzw. das Rathaus aufsuchen müssen. Haben sie nicht. Bayernweit nicht. Fast keine Liste hat es geschafft. Bayernweit nicht. Besonders in Schwaben sieht es sehr düster aus.

So ist das in der Politik: Du wachst morgens auf und es ist vorbei. Ich habe noch nie soviel Zeit, Geld und Herzblut in ein so desaströses Ergebnis gesteckt.

Wir haben auch so noch genug zu tun. Da wäre ein Adenauerbrückenproblem zu diskutieren und um ein paar Leuten Feuer unterm Arsch zu machen braucht man kein Mandat. Ich glaube, das mit dem für-was-kandidieren schenke ich mir ganz. Leserbriefe, Infostände, Inforveranstaltungen, Demos und Bürgersprechstunden machen mehr Spaß, als sich mit manch einer göttlich auserwählten Stadtpersönlichkeit in einem Ausschuß rumzustreiten. Unser Ziel ist der mündige Bürger. Geht auch so.

Ich habe auch saumäßig viele nette Menschen kennen und schätzen gelernt, quer durch alle Parteien. Ich will keine Namen nennen, das wäre ungerecht. Ich werde vielen ungenannten anderen Engagierten anderer Parteien auch nach den Wahlen verbunden bleiben. Weil es menschlich passt.Weil es Menschen sind, mit denen ich gerne einen Teil meiner Freizeit verbringe.

Noch ein Wort zur Neu-Ulmer SPD, vielleicht glaubt ihr es, wenn ihr es schwarz-auf-weiss lest: Ich lasse mich vorher in Acht und Bann aus meiner Heimatstadt jagen und ich will in unheiliger Erde mit Schimpf und Schande verscharrt werden, bevor ich Sozialdemokrat werde. Nix gegen Euch, aber nicht mehr in diesem Leben und auch nicht in einem meiner Nächsten – außerdem werde ihr mit dem einen Ex-Piraten unter Euch wohl keinen Zweiten von uns mehr bekommen, falls wider erwarten doch – gerne. Der war dann eh falsch bei uns. Kommt vor.

Ich bin Pirat. Kein Linker, kein Sozialdemokrat,und auch nicht sonstwas. Ich hab mir das nicht rausgesucht. Ich bin es. Genauso wie weiß, heterosexuell und ein Mann. Hab ich mir auch nicht rausgesucht – das war einfach Glück. Als Pirat aber ist es unhinehmbar die eigenen Ideale zu verraten nur um irgendwo Karriere zu machen. Ich würde mich vor mir selbst ekeln. Zurück zum Thema:

Mein größter Ärger dieser verschenkten Kommunalwahl ist aber folgendes Ereignis, welches ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

Wie allgemein bekannt ist die Internetsituation in Neu-Ulm weit hinter dem Bundesdurchschnitt. Das wird noch schlimmer werden, da aktuell bis 2019 kein Ausbau seitens der Telefon, Vodafne und O2 geplant ist Die sind zusammen so etwa 65-75% des Marktes. Internetversorgung heißt: Arbeitsplätze, Grundstückswerte, Zuzug junger Menschen. Also haben wir Ausbaumöglichkeiten eruiert, welche für die Stadt und ihre Bürger aufkommensneutral sind, also selbstfinanzierend. Das Praktische dabei: SWU und der gebeutelte Fachhandel hätten ebenso profitiert wie Endkunden, Firmen und nicht zuletzt sogar lokale Installationsbetriebe. Hat nicht sogar ein Stadtrat einen solchen? Sowas kann man aber nur im Großen umsetzen, wenn Politik und Verwaltung an einem Strang ziehen. Wir haben dazu unter anderem die „Onlinefachleute“ bzw. Vorsitzenden von CSU, SPD, FDP und ProNU eingeladen das Konzept vorzustellen zu dürfen. Das fanden die alle gaaaanz toll. Die Grünen wollten zu einem späteren Zeitpunkt auf uns zukommen. Wir wollten ihnen das Konzept schenken. Einfach so. Nur damit was davon umgesetzt wird. Alles nichtöffentlich, ohne Geld, ohne Wahlkampfgetöse – nur um Neu-Ulm voranzubringen und das SWU-Finanzproblem zu entspannen. Quasi ein Gratisgutachten mit Lösungsansätzen, für das unser Vorsitzender in seinem Beruf locker eine höhere fünfstellige Rechnung schreiben könnte.

Ist das Kunst oder kann das weg? Das kann weg. Konkret: Ins württembergische Ditzingen. Denen war das sogar was wert.

Niemand ist auf uns zu gekommen, keiner hat sich gemeldet. Ach, doch wenigstens eine Reaktion kam: „Wir haben beschlossen, dass wir keine neuen Leute da dabeihaben wollen“. Wir sind wohl die Stadträte und bei was Ing. Betz und ich nicht dabei sein dürfen war wohl der nächste Rat. Wer dabei sein darf bestimmt nicht der dumme Bürger. Die Räte bestimmen das. Mit Listenplanung. Nur keine Sorge, die Leute wählen immer so wie sie sollen.

Ein Marketingkonzept für Start-Ups und Kulturschaffende hatten wir auch fertig. Das stört aber den Werbekampf eines OB-Kandidaten. Ist das Kunst oder kann das weg? Das kann auch weg. Ab in die Altpapiertonne vor der WIN-Zentrale. Ich hoffe der Wahlkampf beschert uns wenigstens billigere Brillen, denn ich kann das nämlich alles langsam nicht mehr sehen!

Tschüß auch fahrscheinloser ÖPNV, daneben verabschieden wir uns auch für ein Jahrzehnt von der transparenten Verwaltung und Onlinebürgerdiensten.

Trotzdem ist diese Wahl für uns noch nicht zu Ende. Zusammen mit den Linken und anderen Parteien werden wir dieses Wahlgesetz und die Rechtsmäßigkeit der Unterschriftensammlung im Landkreis prüfen lassen.

Meine nächste Aufgabe ist jetzt aber erst mal die Europawahl 2014 in der Stadt. Wir sehen uns dann wieder am Piratenstand auf dem Wochenmarkt.

Einfach weil es mir Freude macht.

Für den „Kandidaten“ bzw. „Mandatsträger“ Swen Kuboth hat heute das Totenglöcklein geläutet. War das Kunst? Nein – und damit bin ich weg.

2 Kommentare

  1. 1

    Hallo Swen,

    vielen Dank an Dich und alle hart arbeitenden Piraten in Neu-Ulm. Ihr habt Euch Möglichstes versucht.
    Schade, dass es nicht funktioniert hat. Aber auch morgen geht die Sonne auf und die politische Arbeit hört nicht auf und schliesslich sind wir APO erfahren um auch Druck von aussen zu machen.

    Grüße
    David

  2. 2

    Hallo Swen,

    vielen Dank an Dich und alle hart arbeitenden Piraten in Neu-Ulm. Ihr habt Euch Möglichstes versucht.
    Schade, dass es nicht funktioniert hat. Aber auch morgen geht die Sonne auf und die politische Arbeit hört nicht auf und schliesslich sind wir APO erfahren um auch Druck von aussen zu machen.

    Grüße
    David

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