Das Blutbad von Böhmisch Bernschlag

Pfingstsonntag war eine sieben Köpfe starke Abordnung der Piraten beim sudetendeutschen Tag in Augsburg. Da ich Vollvertriebenennachkömmling bin, meine Mutter stammt wie unsere ganze Familie mütterlicherseits aus Südmähren, Väterlicherseits kommt unsere Familie aus Schmardt bei Kreuzburg in Schlesien. Heute geht es um meine mütterliche Familienlinie. Oma und irh Vater wurden in Böhmisch Bernschlag geboren. Einer damals  453 Seelen (davon 390 deutschsprachig) zählenden Gemeinde, aus genau 76 Häusern bestehend, natürlich inklusive Kirche und Wirtshaus, aber ohne Sportplatz. Von Wirtshaus und dem Lehrer Lache soll heute die Rede sein.

Urgroßvater Josef F. Lache (geboren am 20.April 1887) war Oberlehrer und  bis zuletzt sehr aktiv in der Landsmannschaft. Dort ist er immer noch unvergessen. Ich kannte ihn als Kind persönlich, er erzählte mir viele Geschichten aus seiner Jugend, viele davon wenig geeignet für Jugendliche. Erst Jahre später habe ich verstanden, dass diese Geschichten sein geistiger Nachlaß an mich war.  Ich verdanke ihm viel. Meine wissenschaftliche Neugier hat er geweckt. Er konnte so spannend erzählen, dass mir viele seiner Geschichten heute noch präsent sind – auch die, mit der ich konfrontiert wurde.

Ein Landsmann und Historiker sprach mit auf meinen Vorfahren an und fragte mich, was am „Blutbad von Böhmisch Bernschlag“ dran war. Die Quellen lassen Fragen offen. Das „Blutbad“ wird erstmals nach dem 2. Weltkrieg in einer Doktorarbeit erwähnt und nennt zeitgenössische, tschechische Druckerzeugnisse als Quelle. Zufälligerweise kannte ich die Geschichte, so konnten wir einige Puzzleteile zusammenfügen. Ein klassisches Beispiel wie Legenden entstehen können.

Im Jahre 1911 war Lehrer Lache mit Freunden im Wirtshaus von Böhmisch Bernschlag. Ich vermute, er wird mit seinen Freunden nicht eben Spezi getrunken haben, als im Hinterzimmer Lärm vernehmbar ist. Dort findet gerade die Gründung eines lokalen „Sokols“ statt. Ein Sokol, zu Deutsch „Falke“ ist ein slawischer Turnerbund. Diese Turnerbünde waren ebenso anderswo in Europa oft nur eine Tarnorganisation für verbotene politische Tätigkeiten. Als Turner durfte man sich versammeln, als Partei nicht. Die Sokols waren nationaltschechisch, antiklerikal und wechselnd stark ausgeprägt, auch antideutsch. Kurz: Ein rotes Tuch für die deutschsprachigen, kreuzkatholischen Einheimischen. Es kam wie es kommen musste: Unter Zuhilfenahme von Mobiliar und Bierkrügen wurde die Gründungsversammlung verhindert. Das Motto“ #keinfussbreit“ galt in meiner Familie schon vor Twitter. Da beide Seiten bei der Schlägerei etwas abbekamen und jemand für das beschädigte Mobiliar aufkommen sollte, kam es zu einem dokumentierten Gerichtsprozess, welcher mit der Einstellung des Verfahrens im Namen s. k u. k. Hoheit endete, denn die Sokolgründer hatten wohl vorher provoziert. Zu einem weiteren Gründungsversuch der Turner kam es dann nicht mehr, geturnt wurde sicherheitshalber dann zwei Dörfer weiter weg.

Natürlich berichteten beide Seiten wort- und schriftreich vom der heldenhaften Verteidigung der eigenen Idee, die Gegner waren zahlreich, schwer bewaffnet und gut organisiert. Sie kennen das: Je öfter eine Geschichte erzählt wird – umso besser wird sie und die heldenhafte eigene Leistung. Mein Urgroßvater war nicht eben schlank, muskulös oder groß, sah nicht besonders gut und litt bereits damals an einer Herz-Kreislaufschwäche, die ihn vor allen Armeen und Kriegsteilnahmen bewahrte und an der er im 93sten Lebensjahr auch verschied.

Ich möchte nun, 102 Jahre danach meinen Beitrag zur deutsch-tschechischen Aussöhnung beitragen und das Ereignis wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holen:

Das „Blutbad von  Böhmisch Bernschlag“ – Eine Dorfwirtschaftschlägerei von ein paar Besoffenen im Jahre 1911. Mehr nicht.

Bitte denken Sie an diese kleine Begebenheit, wenn Sie wieder so eine Helden-Greul-Geschichte hören oder lesen. Die Geschichte schreibt immer der Sieger, denn der Verlierer ist mit der Versorgung seiner Wunden beschäftigt.

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